Liebe Leserin und lieber Leser,
im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung, nur das zu glauben, was zu sehen ist, gilt zu Ostern: Ich glaube nur das, was ich berühren kann. Thomas denkt so und Jesus auch. In der Bibel ist zu lesen: Die Jünger waren wieder beieinander. Thomas war bei ihnen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: »Friede sei mit euch!« Dann sagte er zu Thomas: »Leg deinen Finger hierher und sieh meine Hände an. Streck deine Hand aus und leg sie in die Wunde an meiner Seite. Sei nicht länger ungläubig, sondern komm zum Glauben!«
Ob Thomas das wirklich getan hat, wird nicht berichtet. Aber er hätte es tun können und eigentlich auch tun sollen. Und warum? Weil ein Mensch das, was er greifen kann, auch begreifen kann und wird. Gerade die deutsche Sprache kennt die sprachliche Nähe und Verwandtschaft von greifen und begreifen. Sie kennt auch die Doppeldeutigkeit des Ausdrucks “ergriffen sein”. Ergriffen werden Flüchtende von ihren Verfolgern, die sich einem Zugriff entziehen wollen. Aber emotional ergriffen werde ich von Worten und Musik, an faszinierenden Orten und zu besonderen Zeiten. So ist Ostern ein Ergriffenwerden und ein Begreifen.
Thomas begreift im Greifendürfen den Sieg des Auferstandenen von den Toten über das lebenszerstörerische Böse dieser Welt. Weil er so begriffen hat, ist er ergriffen worden: von der Botschaft, die Evangelium genannt wird, von der Treue Gottes, die so grenzenlos ist. Ostern will mit allen Sinnen begriffen und ergriffen und nicht nur geistlich verstanden werden. Lukas berichtet, dass Jesus sagt: “Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe.” Nicht wenige Theologinnen und Theologen behaupten, dass die Rede von “Fleisch und Knochen” ein wenig über das Ziel hinausschießen könnte, um die leibliche Gestalt von Jesus nach seiner Auferweckung von den Toten zu beschreiben. Aber Übertreiben macht anschaulich.
Wie der irdische Mensch aus “Fleisch und Knochen” besteht, so wird auch der, der von den Toten auferweckt wird, ein wahrer Mensch sein, kein flüchtiger Gedanke, kein namenloses Etwas, kein im Universum aufgelöstes Ich, kein Stern am Himmel, sondern eine Person mit Namen auch nach Eintritt des Todes. Sie trägt in ihrer Auferweckung von den Toten die Wunden, die das Leben ihr zugefügt hat. Sie werden akzeptiert, aber sie schmerzen nicht mehr.
Der die Wunden durch den Tod hindurch trägt, sagt: “Ich lebe und ihr sollt auch leben!” Das ist die Osterbotschaft. Einmal begriffen, hat sie Thomas, die Frauen, denen Jesus nach ihrer Rückkehr vom leeren Grab begegnet ist, die anderen Jünger und auch mich ergriffen. Euch auch?
Gutes Begreifen und Ergreifen wünscht
Pastor Uwe Hasenberg aus der Ev. Kirchengemeinde Gevelsberg.
